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Spaziergang: Unter den Linden

Spaziergang: Unter den Linden

In Corona-Zeiten ist es mit dem Verreisen so gut wie unmöglich, jetzt irgendwo hinzufahren oder hinzufliegen. Den ganzen lieben, langen Tag „in der Bude hocken“ ist sicherlich auch nicht ratsam. Es bietet sich daher ja an, als Berliner einmal seine Heimat zu entdecken bzw. wiederzuentdecken. Die ABZ, die Allgemeine-Berliner-Zeitung hat diesbezüglich einen Fachmann um Rat gebeten. Mathias C. Tank ist ehrenamtlich Pressesprecher des „Vereins für die Geschichte Berlins e.V.“ Der 1865 gegründete Verein

Mathias C. Tank / Foto ABZ

ist der älteste Verein in der Stadt. Der Pressesprecher des „Vereins für die Geschichte Berlins e.V.“ lebt in Berlin und erforscht seit einigen Jahren u.a. die facettenreiche Geschichte des Kaufhauses Rudolph Hertzog in der Breiten Straße und seiner drei gleichnamigen Inhaber. Mathias C. Tank empfiehlt „einen Spaziergang: Unter den Linden. Vom Brandenburger Tor bis zum Friedrichsdenkmal. Das ist nämlich ein Spaziergang mit geschichtlichem Flair.“ Der Pressesprecher des „Vereins für die Geschichte Berlins e.V.“ teilt mit: „Der Berliner Boulevard Unter den Linden hat ein besonderes Flair. Vom Brandenburger Tor bis zur Schlossbrücke bietet er knapp 1.500 Meter Geschichte. „Untern Linden, untern Linden, gehn spaziern die Mägdelein, wenn Du Lust hast anzubinden, dann marschiere hinterdrein“, heißt es in dem Couplet, den Walter Kollo, der von 1878 bis 1940gelebt hatte, vertonte. Damals, um 1912, sah die Prachtstraße natürlich wesentlich anders aus: Ein Linden besäumter, breiter Flanierweg, beidseitige Marsch- und Fahrstraßen sowie prächtige Wohn- und Geschäftshäuser, die jedes für sich ein architektonischer Solitär darstellten und eigene Geschichten erzählen könnten. Zu sehen, was von ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg übrigblieb, sensibel restauriert oder einfach nur „hoch gezogen“ wurde, lohnt einen Spaziergang; beginnend von und endend an der S+U-Bahnstation Brandenburger Tor.

Hinweisen möchte ich noch darauf, dass die heutigen Hausnummern sich in Klammern befinden.

Pariser Platz (bis September 1814: Quarrée).

Brandenburger Tor Foto ABZ / Frank Pfuhl

Neben dem symbolträchtigsten Bauwerk Berlins, dem Brandenburger Tor, mit der 1806 auf Befehl Napoleons I. (1769 bis 1821) „entführten“ Quadriga. Sie kam zurück im Jahr 1814, befinden sich anstelle des alten Stüler-Baus das vom Architekt Josef Paul Kleihues (1933 bis 2004) „im Sinne einer kritischen Rekonstruktion“ neu gestaltete Max Liebermann Haus (Nr. 7) sowie die durch den Architekt Günther Behnisch (1922 bis 2010) durchweg modern geformte Akademie der Künste (Nr. 4), „eines der seit 1696 ältesten europäischen Kulturinstitute“. Das glas-betonte Gebäude nimmt den Platz ein, auf dem das Palais des Grafen Adolf Heinrich von Arnim-Boitzenburg (1803 bis 1868) stand. Beide Häuser stehen normalerweise für Besucher offen. Dagegen die Botschaften Amerikas (Nr. 2), erste Gesandtschaft 1797, und Frankreichs (Nr. 5), erste Gesandtschaft 1871, aus Sicherheitsgründen nicht.

Unter den Linden (UdL).

Das von Louis Adlon (1874 bis 1945) im Jahr 1907 eröffnete und nach der Kriegszerstörung 1995 bis 1997 wiedererstandene Adlon, UdL 1/2 (77), ist die bekannteste Luxusherberge, in dem sich der Adel, die Politik-, Kultur- und Geschäftsprominenz aus aller Welt einquartieren. „Wer das Adlon nicht kennt, kennt Deutschland nicht“, meinte in den 1930er Jahren sogar der Maharadscha von Patiala. Ab 1833, befand sich auf dem rechten Grundstück das Stadtpalais des Grafen Wilhelm von Redern (1802-1883), dem Intendanten des Königlichen Theaters, sowie links ein vornehmes Palais, in dem um 1820 der Herzog von Cumberland während seiner Berlin-Visiten zur Miete logierte (s.a. UdL 4). In der Wilhelmstraße 70/71, sozusagen direkt hinter dem Adlonschen Hotelkomplex, befindet sich die von Königin Elisabeth II. (geb. 1926) im Jahr 2000 persönlich eröffnete Britische Botschaft, erste Gesandtschaft 1871, mit ihrem spektakulären Entrée.

Über die Wilhelmstraße hinweg beherrscht heute ein langgestrecktes Verwaltungs- und Abgeordnetenhaus des Deutschen Bundestages die Straßenfront, UdL 3-6a (71). Im Eckhaus, UdL 3, befand sich um 1840 das renommierte Hotel Royal. Das Anwesen, UdL 4, erwarb um 1835 die Herzogin von Cumberland, vormals Friederike von Mecklenburg-Strelitz (1778 bis 1841), verheiratet mit Ernst August I., ab 1837 König von Hannover (1771 bis 1851). 1849 kaufte es der Preußische Staat und widmete es zu einem Ministerialgebäude des Preußischen Kultusministeriums um. Infolge der vermehrten Ressort-Zuständigkeiten wurde es ab 1879/1883 durch diverse Neubauten ersetzt und somit sukzessive bis zur Wilhelm- und Behrenstraße erweitert. Das Kultusministerium wurde mehrmals umbenannt, darunter im Oktober 1938 zum Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (s.a. UdL 59a-68). Die erwähnten Vorgängerbauten sind allesamt verschwunden.

Die Großmacht Russlands, erste Gesandtschaft 1706, spiegelt sich in ihrem mächtigen, im Inneren prachtvoll gestaltetem Botschaftspalais wider, UdL 7 (63-65), das anstelle des kriegszerstörten Vorgängerbaus im Jahr 1952 offiziell eingeweiht wurde. Im nunmehr umgebauten Eckhaus UdL/Glinkastraße stand den „Sowjet“-Besuchern das Reisebüro Intourist offen, ebenso das Buchungsbüro der Luftfahrtgesellschaft Aeroflot, dass sich seit langem schon am Flughafen Schönefeld befindet.

In der Zeit von 1964 bis 1966 entstand an der gegenüberliegenden Ecke, ebenfalls UdL/Glinkastraße, das moderne „Funktionsgebäude der Komischen Oper“ mit diversen Verkaufsgeschäften (früher: Westminster Hotel, Udl 17/18 (43/45)). Es verdeckt mit seiner Länge von 186 Metern den heute gleichnamigen, bereits im Jahr 1891 bis 1892 errichteten und 1947 aus den Kriegsruinen auferstandenen Theaterbau (früher: Theater Unter den Linden / Metropol Theater). Eingang: Behrenstraße 55-57. Renoviert wurde die Komische Oper 1966 bis 1967. Eine nur von der Glinkastraße sichtbare Brücke verbindet beide Bauwerke.

Die beeindruckende Kaiser-Galerie, UdL 22-23 (35), ein Gründerjahre-Bau, wurde 1873 dem Publikum zugänglich gemacht. Innerhalb des „Kaufzentrums“ befand sich die 128 Meter lange, bis zur Behrenstraße führende Linden-Passage mit zahlreichen Verkaufsläden, Büros, einem Café und Castan’s Panopticum, vergleichbar mit Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett (heute UdL 74), als Besuchermagnet. Im Zweiten Weltkrieg zerstört und erst 1957 abgetragen, verschwand die pompöse Kaisergalerie 1965 samt baulicher Umgebung. Jahrzehnte später trat an nahezu gleicher Stelle der im August 1987 fertiggestellte Bau des Interhotels Grand Berlin (Friedrichstraße 158 – 164). In Nachfolge dessen wiederum präsentiert sich seit 1997 das Deluxe-Hotel Westin Grand Berlin mit einem grandios gestalteten Treppenaufgang in Form eines Oktogons. Ein Kuriosum damals: Die DDR-Mark zählte hier nicht als Zahlungsmittel, sondern nur Devisen.

„Zuckerbäcker beherrschten im 19. Jahrhundert das Konditoreiwesen“, schrieb der Spiegel 1984, „Ihre Lese-Cafés prägten das Bild des biedermeierlichen Berlins.“ Auch der Wiener Zuckerbäcker und preußische Hofkonditor Johann Georg Kranzler (1794 bis 1866) eröffnete 1825 an einer der lebhaftesten Kreuzungen Berlins, UdL 25 (31) / Ecke Friedrichstraße, seine erfolgreiche Conditorei Kranzler. Als „besonderer Anziehungspunkt“ zeichnete sich dort die erste Straßenterrasse, schlicht „Rampe“ genannt, aus. Eine Kranzler-Filiale folgte 1932 am Ku’damm. Haus und Konditorei gingen 1911 an die ‘Hotel-Betriebs-AG‘. Während des Krieges zerfiel es zu Staub. Heute befindet sich auf dem Areal ein fast bis zur Behrenstraße langgestrecktes Appartementhaus mit verschiedenen Läden, darunter eine Filiale der Königlich Preußischen Porzellan-Manufaktur (KPMG).

Im Oktober 1877 eröffnete das legendäre Café Bauer, Udl 26 (29) / Ecke Friedrichstraße 85a. Sein Besitzer: Matthias Bauer aus Österreich. Sein Etablissement erwies sich rasch als gleichwertig populärer Treffpunkt für die Wiener Kaffeehaus-Enthusiasten. Das Caféverfügte 1884 als erstes über elektrisches Licht.Nach dem Ableben des Wiener Cafétiers übernahm es ebenfalls die ‘Hotel-Betriebs-AG‘. Im 1885 erbauten Haus nebenan, UdL 27, befand sich das elegante Restaurant Vier Jahreszeiten und „in den weitläufigen Räumen“ bis knapp zur Rosmarienstraße ein überdimensioniertes Bierlokal namens Kaiserhallen-Frankenbräu späterin Hopfenblüthe umbenannt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Speise- und Trinklokalitäten in normale Büro- und Geschäftsräume umgewandelt. Der Zweite Weltkrieg vernichtete beide Häuser, die Neubauten beherbergen heute Auto- und Modeverkaufsgeschäfte.

Das vormalige Eckhaus Charlottenstraße / Udl 33 (13-15, seit 2013 Deutsche Bank KunstHalle) weist eine historisch wichtige Bedeutung auf: Um 1750 erbaut, domizilierte darin bereits im Jahr 1820 das Café Royal, in dem u.a. auch der Schriftsteller E.T.A. Hoffmann (1776 bis 1822) verkehrte. Am 28. Januar 1865 gründete Dr. Julius Beer (1822 bis 1874) gemeinsam mit zahlreichen interessierten Bürgern den Verein für die Geschichte Berlins e.V. Auf dessen Ehrenplakette steht: „Was Du erforschet – hast Du mit erlebt“. Eine besondere Auszeichnung erfuhr der heute mitgliederstärkste Verein mit der Enthüllung einer Gedenktafel am 20. September 2012. Das Haus selbst wurde „1871 durch einen Neubau“ im typischen Renaissancestil ersetzt. Ungefähr von 1933 an wurde es vom Reichsarbeitsministerium sowie während der DDR-Zeit als „Haus der Gewerkschaften“ genutzt. In dem direkt anschließenden Gebäude, UdL 34-35, unterhält die Deutsche Bank heute eine Filiale; von 1997-2012 residierte die Deutsche Guggenheim Berlin, UdL 35.

Über das Niederländische Palais, UdL 36 (11), berichtete David Hakkenberg, der Gründer der Initiative Oranje-Nassau in Berlin: „Am 24. März 1803 kauft er, der spätere König Wilhelm I. der Niederlande (1772 bis 1843), für 67.000 Taler das prachtvolle Haus, das seit dieser Zeit bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg diesen Namen tragen wird.“ Das Palais entstand ungefähr zwischen den Jahren 1753 bis 1758. Vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. (1744 bis 1797) wurde es im März 1787 erworben, im August desselben Jahres erhielt es seine Geliebte, die Gräfin Wilhelmine von Lichtenau (1753 bis 1820). 1794 erfährt es durch den Baumeister Carl Gotthard Langhans (1732 bis 1808) einen grundlegenden Umbau. 1798 wurde es der „Armen-Direction“ geschenkt, danach ging es an das Haus Oranien über. Hierin lebte König Willem I. nach seiner Abdankung als Graf von Nassau abgeschieden bis zu seinem Tod am 12. Dezember 1843. Der preußische Fiskus kaufte das schmucke Palais 1883. Im Zweiten Weltkrieg trug es irreparable Schäden davon und wurde um 1950 abgetragen. Anstelle des Niederländischen Palais entstand ein Nachbau des Gouverneurshauses. Dessen Original befand sich an der Königstraße 19 / Ecke Jüdenstraße und diente 1721 als städtisches Amtsgebäude. Der Hohenzollernkönig Friedrich Wilhelm I. (1688 bis 1740) erwarb es 1732 und ließ es zum Gouverneurshaus umbauen. Ab 1808 zog dort das Stadtgericht ein. Im Zuge der Neugestaltung der Mitte Berlins wurde es im November 1967 gesprengt und das wertvolle „barocke Schmuckelement des Mittelrisalits“ in den Nachbau, den zurzeit ein Institut der Humboldt Universität belegt, eingefügt. Eine Gedenktafel erinnert an König Willem I. und den Standort des Niederländischen Palais.

Das Alte Palais, auch Kaiser-Wilhelm-Palais, UdL 37 (9), wurde 1834 bis 1837 als Arbeits- und Wohndomizil für Kronprinz Wilhelm vom Baumeister Carl Ferdinand Langhans (1781 bis 1869) anstelle eines ehemaligen Stadthauses erbaut. Als Preußenkönig und Deutscher Kaiser Wilhelm I. (1797 bis 1888) bewohnte der langjährige Regent das mit einer „vornehmen Fassade“ geschmückte Palais. Die sich daran anschließende Alte Bibliothek, auch Alte Königliche Bibliothek, mit ihrer geschwungenen, monumental wirkenden Fassade, Am Bebelplatz 2; wurde bereits 1775 bis 1780 von Georg Friedrich von Boumann (1737 bis 1812) errichtet und 1963 bis 1969 „außen historisch, innen modern wiederaufgebaut“. Sie wird ebenfalls von einem Institut der Humboldt Universität genutzt.

Es scheint, als “herrsche er über die Linden, der Alte Fritz.“ Am Ende der Linden besäumten Mittelpromenade, direkt gegenüber des Alten Palais, erhebt sich „das künstlerisch bedeutendste Denkmal des 19. Jahrhunderts in Deutschland“: Das Reiterstandbild Friedrichs des Großen! Christian Daniel Rauch (1777 bis 1857) schuf das 13,5 Meter hohe, monumentale Abbild des Preußenkönigs Friedrich II. (der Alte Fritz, 1712 bis 1786) auf seinem Pferd Condé in den Jahren 1839 bis 1851. Im Fries finden sich erfolgreiche Feldherren und Generale sowie wichtige „Politiker, Künstler und Wissenschaftler“. Im Krieg unbeschadet wurde es 1950 in den Park von Schloss Sanssouci überführt und 1981 nach Ostberlin zurückgebracht. Nach 2001 wurde es gründlich restauriert und gelangte danach zurück auf seinen ursprünglichen Standort mit Blick zum Berliner Schloss.

Und nun vom Alten Fritz zurück zum Brandenburger Tor, „dem Tor des Friedens“ (DDR-Zitat). Zunächst vorbei an der prunkvollen Königlichen Bibliothek / Deutsche Staatsbibliothek, der „größten wissenschaftlichen Universalbibliothek Deutschlands“, mit seiner 105 Meter breiten Straßenfront, UdL 38 (8). Das monströse Gebäude wurde 1903 bis 1914 nach Plänen des Hofarchitekten Ernst von Ihne (1848 bis 1917) im neubarocken Stil errichtet.

Im Jahr 1870 stand an der Ecke Charlottenstraße / UdL 39 das Hotel Stadt Rom. Das Gebäude wurde von dem Architekt Georg Christian Unger (1743-1799) im Jahr 1775 errichtet. 1855 wurde es an den Hotelier Adolf Mühling verkauft und im Zeitraum 1875/76 abgebrochen. Im folgenden Neubau, nun als Grand Hotel de Rome geführt, veranstaltete der „Verein Berliner Presse“ von 1879 bis 1885 alljährlich seine beliebten Pressebälle. Das einst prachtvolle Hotel verlor 1910 seinen Rang und wurde noch im Oktober des gleichen Jahres abgebrochen. Es musste dem 1912 bezogenen Geschäftshaus Römischer Hof weichen. 1935 ließ die Deutsche Verkehrs- und Kreditbank AG (DVB), gegründet am 18. Juni 1923, das Gebäude umbauen. Es blieb bis September 2009 im Besitz der Deutschen Bahn (Vivico Real Estate GmbH). Traurige Berühmtheit erhielt das Gebäude 1951 durch einen Einbruch der Pannewitzbande, die durch ein Loch in den Tresorraum der DVB stiegen und dort fast 1,7 Mio. DDR-Mark und 224.000 DM erbeuteten. „Der Bruch“ wurde mit Götz George, Otto Sander und Rolf Hoppe verfilmt.

An der Kreuzung Friedrichstraße / UdL 46 befand sich das beliebte Hotel und Café Victoria. Zuvor war es „das Wohnhaus des Direktors des Botanischen Gartens, Carl Ludwig Willdenow“ (1765 bis 1812). Nach dem Ersten Weltkrieg hieß das beliebte Etablissement Café König. Links gegenüber dem Victoria-Café steht seit 1936 das ‘Haus der Schweiz‘, UdL 47 (24). Den Vorgängerbau besaß ab 1820 der Handschuhfabrikant Wernicke, das heutige die Banken. Das zwischenzeitlich aufgestockte, eindrucksvolle Gebäude mit kleinen Verkaufsgeschäften gehört seit jeher zu den Touristenattraktionen am Prachtboulevard – zumal auch wegen des sogenannten „Drei-Café-Ecks“: Kranzler, Bauer und Victoria. An der Eckwand „der Bastion der Eidgenossen“ (Berliner Morgenpost) wurde eine Bronzeplastik angebracht, die den Sohn des Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell darstellen soll.

Nun ein kurzer Abstecher in Richtung Bahnhof Friedrichstraße: In der Friedrichstraße 90, betreibt das weltweit agierende Facility Management Unternehmen seit 1997 ein erfolgreiches Buchhandelshaus. Nur wenig Schritte davon entfernt ragt das 93,5 Meter hohe Internationale Handelszentrum empor. Das DDR-Prestigeobjekt wurde 1976 bis 1978 in die Höhe gezogen. In dem sogenannten „World-Trade-Center“ residierten von 1999 bis 2004 die Niederländische Botschaft und von 1999 bis 2005 die Kanadische Botschaft.

Nur wenig Schritte entfernt sind es bis zur Berliner Dependance des Zweiten Deutschen Fernsehens im Zollernhof, UdL 54-56 (36-38). 1910 bis 1911 wurde der riesenhafte Bürokomplex errichtet und 1939 ein Erweiterungsbau, erkennbar an der „helleren Steinverkleidung“. Die Vorgängerbauten, in einem davon starb Wilhelm Stolze (1798 bis 1867), der „Meister der deutschen Kurzschrift“, verschwanden allesamt. 1949 zog der Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (FDJ) ein. 1992 erwarb das ZDF „den Zollernhof“ und ließ ihn zum Hauptstadtstudio umbauen. Eröffnung war am 3. Februar 2000. U.a. werden die beliebten Formate „Morgen- und Mittagsmagazin“ aus den ZDF-Studios UdL gesendet.

Von der Neustädter Kirchstraße bis zur Schadowstraße zieht sich der nüchterne Stahlbetonskelettbau des Deutschen Bundestages hin, UdL 59a-68 (71). Von 1993-94 wurde es „im neoklassizistischen Stil“ saniert. Seit März 2017 trägt es den Namen von Matthias Erzberger (1875-ermordet 1921), dem Zentrumspolitiker und Unterzeichner des Waffenstillstandsabkommens von Compiègne (Frankreich). Von 1965 bis zum Ende der DDR befand sich hierin das Ministerium für Volksbildung, das seit seiner Gründung im Jahr 1949 in einem Erweiterungsbau des ehemaligen Preußischen Kultusministeriums an der Wilhelmstraße zu finden war (s.a. UdL 4). Margot Honecker (1927 bis 2016), die geschiedene Frau des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker (1912 bis 1994), übte von 1963 bis 1989 ihr Ministeramt in beiden Domizilen aus. Sämtliche Vorgängerbauten, darunter eines, UdL 68, in dem „1842 bis 1845 der Generalmusikdirektor Giacomo Meyerbeer während seiner Amtszeit an der Königlichen Oper wohnte“, fielen der Abrissbirne zum Opfer.

Über die Schadowstraße hinweg folgt das im März 2017 nach dem SPD-Politiker Otto Wels (1873 bis 1939) benannte Verwaltungsgebäude des Deutschen Bundestages, UdL 68a (50). Das ebenfalls im „im neoklassizistischen Stil“ errichtete Gebäude wurde 1992 bis 1997 grundsaniert. Ab 1949 diente es als Ministerium für innerdeutschen Handel, Außenhandel und Materialversorgung. Die letzte Bezeichnung ab 1973 laute: Ministerium für Außenhandel, letzter Staatssekretär war Alexander Schalck-Golodkowski (1932 bis 2015).

Die folgenden Vorgängerbauten sind wiederum verschwunden: Früher befand sich hier, UdL 68a, das 1869 eröffnete und 1910 geschlossene Berliner Aquarium, „damals das größte der Erde“. Direkt an der Ecke stand von 1869 bis 1921 das Hotel Minerva. Zwei Gebäude sind zudem erwähnenswert, nämlich das 1873 bis 1877 gebaute Preußische Ministerium des Innern, 1934 Sitz des später Reichs- und Preußische Ministerium des Innern, UdL 72/73. Die Preußische Kriegsakademie bezog das von UdL 74 bis zur Dorotheenstraße 58/59 reichende Riesenareal 1876. Ab 1921 wurde es dem Innenministerium zugeschlagen und der vordere Teil ab 1934 zum Dienstsitz des Chefs der Ordnungspolizei erklärt. Das ungewöhnliche Durchfahrtshaus, UdL 76, mit einem schmalen, „brückenähnlichen Überbau“ zur damaligen Neuen Wilhelmstraße bis Dorotheenstraße wurde 1822 fertiggestellt und 1867 infolge des wachsenden Verkehrs abgebrochen.

Es gibt noch viel zu sehen oder zu erahnen und Wissenswertes kennenzulernen. Berlins Mitte konzentriert in unmittelbarer Umgebung viele weitere geschichtsträchtige Gebäude und Denkmale: Der bewusst nüchtern gestaltete Bebelplatz, auch Opernplatz genannt, inklusive des Denkmals zur Mahnung an die Bücherverbrennung in 1933, St. Hedwig Kathedralkirche (Berliner Papstkirche), Friedrichwerdersche Kirche, Auswärtiges Amt, Hotel de Rome, Staatsoper Berlin, Kronprinzenpalais, Neue Kommandantur, Humboldt-Forum (früher Schloss / Palast der Republik), Berliner Dom, Museumsinsel, Zeughaus (heute: Deutsches Historisches Museum), Neue Wache, Maxim-Gorki-Theater, Humboldt Universität. Also viel Spaß wünsche ich den Lesern der ABZ bei Ihrem nächsten Spaziergang – und natürlich mit dieser Rundgangbeschreibung! Man kann mir gerne seine persönlichen Erfahrungen nach diesem ausgiebigen Sparziergang mitteilen. Meine Kontaktanschrift lautet: tank(at)diegeschichteberlins.de.“

(Das Gespräch mit Herrn Mathias C. Tank führte Volker Neef/Foto: Stimme-Der-Hauptstadt Privat)

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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