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Der Kaufmann von Venedig im Theater der Shakespeare Company Berlin

(Foto: Volker Neef)

Der Kaufmann von Venedig im Theater der Shakespeare Company Berlin

Die Shakespeare Company Berlin spielt in ihrer Freiluftbühne am Insulaner in Berlin-Steglitz den ganzen Sommer über.

 Bis zum 10. September zeigt man neun Theaterstücke des englischen Dramatikers, Lyrikers und Schauspielers William Shakespeare (1564 bis 1619). Wir sahen am 16. Juli den „Kaufmann von Venedig“ auf einer U-förmigen Bühne, die der Shakespeares nahekommt.

Der junge Adlige Bassanio umwirbt die schöne und reiche Erbin Portia. Da er sein Geld bereits verprasst hart, ist ihm das nur durch einen größeren Kredit in Höhe von 3.000 Dukaten möglich, den er bei dem Geldverleiher Shylock, einem Juden, aufnimmt. Sein Freund, der Kaufmann Antonio aus Venedig, garantiert den Kredit gegenüber dem Geldverleiher, denn er liebt Bassanio. Shylock will eigentlich keine Geschäfte mit Antonio machen. Er hat ihn in der Vergangenheit antisemitisch beleidigt und ihm Kundschaft weggenommen. Schließlich gewährt er Bassanio den zinslosen Kredit über einen Zeitraum von drei Monaten. Er stellt jedoch die Bedingung auf, dass der Bürge Antonio ihm ein Pfund seines Fleisches nächst dem Herzen geben müsse, wenn der Kredit nicht zurückgezahlt werde. Mittlerweile hat Bassanio Portia geheiratet und scheint am Ziel seiner Wünsche.

Als die Rückzahlung des Kredits fällig wird, kann Antonio nicht zahlen, da seine Schiffe als untergegangen gemeldet werden. Portia reist nach Venedig und bietet Shylock 6.000 Dukaten zur Tilgung des Kredits an. Darauf geht Shylock nicht ein und bringt Antonio vor Gericht. Das Gericht tagt im Haus des Herzogs von Venedig; diese Gerichtsverhandlung bildet den Höhepunkt des Stücks.

Der Herzog sieht sich außerstande, den Fall zu entscheiden und überträgt ihn an einen durchreisenden jungen Doktor der Rechte mit dem Namen Balthazar. Er ist gerade mit seinem Assistenten auf der Durchreise. Der Jurist ist in Wahrheit die verkleidete Portia und der Assistent ist die verkleidete Dienerin Portias. Balthazar bittet Shylock um Barmherzigkeit für Antonio, doch Shylock pocht auf Vertragserfüllung: ein Stück Fleisch des Bürgen nächst dem Herzen. Der Gerichtsherr, der Herzog, stimmt dem zu. Darauf hin verfällt Balthazar auf einen juristischen Trick: Der Vertrag sehe nur ein Pfund Fleisch vor, das Shylock aus Antonio schneiden dürfe, von Blut sei im Vertrag keine Rede. Wenn Shylock bei seinem Vorgehen auch nur einen Tropfen Blut vergieße, würde nach venezianischem Recht sein gesamter Besitz konfisziert werden. Widerwillig stimmt Shylock zu und will nunmehr Bassanios Geldzahlung akzeptieren. Jetzt argumentiert Balthazar, dass es dafür zu spät sei, denn Shylock habe die Geldzahlung vorher explizit – „vor dem Gericht“ – zurückgewiesen. Balthazar zitiert ein Gesetz, demzufolge Shylock, weil er als „Ausländer“ versucht habe, einen Engländer um dessen Leben zu bringen, alle seine Besitztümer verliere, jeweils zur Hälfte an den Staat, also den Herzog, und an Antonio; überdies werde er zum Tode verurteilt. Antonio erklärt sich bereit, die ihm zugesprochene Hälfte des Besitzes nur zu nutzen und bei Shylocks Tod an dessen Tochter, die mit einem christlichen Engländer durchgebrannt ist und diesen geheiratet hat, rückzuübertragen, sofern Shylock zum Christentum konvertiere. Will er sein Leben retten, bleibt Shylock nichts anderes übrig, als darauf einzugehen: „Ich bin einverstanden.“

Man kann Shakespeares Stück als Plädoyer für Toleranz verstehen, denn Shylock argumentiert vor Gericht: Bin ich nicht ein Mensch wie Ihr auch? Warum werden wir Juden von euch Christen so erniedrigt?  Ich habe die Schuftigkeit, die ich ausführen will, doch von Euch gelernt: „Wenn Ihr uns Böses antut, warum sollten wir uns nicht rächen?“ Doch darauf wollen die Christen nicht eingehen und geben vor, Barmherzigkeit sei besser als sich für erlittenes Unrecht zu rächen, obgleich sie sich in der Vergangenheit den Juden gegenüber selbst nicht an diese fromme Regel gehalten haben. So gelingt Shylock zwar eine Demaskierung christlicher Verlogenheit, doch sein grausames Begehren lässt auch ihn in keinem angenehmen Licht erscheinen.

Und die Moral von der Geschicht‘? Es gibt keine, denn das Theater ist keine moralische Anstalt. Der Zuschauer mag das Stück zum Anlass nehmen, über die Vieldeutigkeit von Moral nachzudenken ohne zu urteilen.

Die etwas modernisierte und verfremdete Inszenierung wurde vom Regisseur Michael Günther und der Dramaturgin Johanna-Julia Spitzer vorgenommen; die sechs Schauspieler spielten jeweils mehrere unterschiedliche Rollen. Das Publikum war von der Leistung der Schauspieler begeistert, wie der starke Schlussapplaus zeigte. 

Text: Gernot Volger

Foto: Volker Neef

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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