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Pflegeprotokolle- Buchvorstellung

Foto: Verbrecher-Verlag

Pflegeprotokolle- Buchvorstellung

Das Buch „Pflegeprotokolle“ stammt vom Autor Frederic Valin. Es umfasst 240 Seiten und ist im Verbrecher Verlag zu Berlin erschienen.

Der Schriftsteller kam 1982 in Wangen im Allgäu zur Welt. Mittlerweile lebt er in Berlin. Erfolgreich studierte Frederic Valin in der Bundeshauptstadt Deutsche Literatur und Romanistik. Nach dem Studium begann er, als Pflegekraft, Autor und Kulturveranstalter tätig zu sein. 

Vor kurzer Zeit noch haben Pflegekräfte den Beifall aus den Reihen der Gesellschaft und der Politik erhalten, gerade wegen ihrer übermenschlichen Leistungen in Corona-Zeiten. Böse Zungen behaupteten seinerzeit schon: „Der Beifall kostet nix“! Geht es konkret um Tariferhöhungen oder Verbesserungen wie ein oder zwei Urlaubstage mehr pro Jahr oder besser abgestimmte Dienstpläne, sind die Ohren der Vorgesetzten in den Pflegeberufen, den Manager der Krankenkassen, Politikern und Betreibern von Pflegeheimen, Krankenhäusern, Kitas verstopft. Eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen an die Bundesregierung brachte im Herbst 2020 

Frederic Valin. Foto: Claudia Thomas

Folgendes ans Licht der Öffentlichkeit: „Rund 731.000 Menschen werden in vollstationären Pflegeeinrichtungen versorgt“. Auch diese Zahlen teilte man mit: „Die Zahl der Bewohner in den Einrichtungen in den vergangenen zehn Jahren ist stetig gestiegen: von ca. 620.500 im Jahr 2010 auf über 676.00 im Jahr 2015 auf nun rund 731.000“. In Deutschland arbeiten momentan 1,8 Millionen Menschen in der Pflege. Experten gehen davon aus, dass es 2030 rund 2,15 Millionen Pflegemitarbeiter sein werden. Dazu noch eine eindrucksvolle Zahl: Jeder 4. Bürger hierzulande, der mindestens 80 Jahre alt ist, muss Pflegedienste in Anspruch nehmen. Unabhängig davon, ob das Pflegeteam den Patienten zu Hause besucht oder ob man bereits in einer Senioreneinrichtung wohnt. 25 Prozent der Mitbürger 80PLUS benötigen unbedingt diese Hilfestellungen. Das der Otto Normalverbraucher um die Pflege einen großen Bogen macht, ist keine böse Absicht! Da besuchen beispielsweise 40, 50jährige lebensfrohe Menschen, die regelmäßig Sport treiben und im Urlaub Wasserski fahren oder die Skipisten runterfahren, die pflegebedürftige Tante Ilse im Pflegeheim, die Tag und Nacht und Nacht und Tag bewegungslos im Bett liegt. Junge Leute werden mit Alter und Krankheit konfrontiert. Dies ist kein schöner Anblick und man geht notgedrungen und mit großem Widerwillen ins Pflegeheim, um die kranke Patentante zu besuchen. War man dort, freut man sich, jetzt wieder 4 Wochen Ruhe zu haben bis zum nächsten Pflichtbesuch. Das „Zahnarzt-Syndrom“ kommt auf! Keiner geht gerne zum Zahnarzt, keiner besucht gerne Tante Ilse, aber ab und zu muss man mal halt hin. Seit dem Ausbruch der Pandemie ist für die Mitarbeiter in Pflegeberufen der Alltag bedeutend schwieriger geworden. Davon berichtet Frederic Valin. Er hat 21 seiner Kolleginnen und Kollegen zu Wort kommen lassen. Er hat sie berichten lassen, wie es ist, Pfleger zu sein. Wer in der Pflege sein Geld verdient, hat nicht unbedingt diesen Beruf ergriffen, um steinreich zu werden. Das ist ein unmögliches Vorhaben. Hier zeigt sich eindrucksvoll die deutsche Sprache! Beruf kommt von Berufung! Menschen, die als Pfleger, Erzieher, Krankenschwester im Einsatz für die Allgemeinheit sind, also im Klartext: Für UNS!, haben eine Ethik. Sie wollen Menschen helfen, rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr. Die Bevölkerung erwartet schließlich, dass jedes Krankenhaus, jedes Pflegeheim immer besetzt ist. Man redet sich ja auch ein: Die Arbeitnehmer werden ja bezahlt! Ob der Lohn gerecht ist, ob die Arbeitszeit und das Erlebte an Magen und Seele nagen und belasten, interessiert Außenstehende wohl kaum. Der Autor Valin kam in der Corona-Zeit auf den Gedanken, ein Buch über die Pflege und die Pfleger zu schreiben. Im Lockdown hatte er, hatten seine Kollegen plötzlich hier und da freie Zeit.  Auf S. 9 drückt er es so aus: „Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch viele andere Geschichten anstößt, dass viele Menschen aus der Care Arbeit beginnen zu erzählen. Aus den Geschichten dieser Alltagsexperten und -innen lassen sich Lösungsvorschläge ableiten“. Gleich am Anfang seines Werkes, S. 11 – 21, macht er uns mit Maxi vertraut. Sie ist knapp 30 Jahre jung und arbeitet in Westdeutschland auf einer Geriatrie-Station. Maxi erzählt aus ihrem Berufsalltag: „Die Verhältnisse waren katastrophal rückständig. Da hat man alles selbst machen müssen, es gab keine Sekretärin, die einem Sachen abnimmt, auch keine Blutentnahme-Damen oder Leute, die Medikamente richten. Da musste man wirklich alles machen.“ Inzwischen arbeitet sie als Leasing-Fachkraft und lässt sich, besser bezahlt, über eine Pflege-Agentur vermitteln. Neben Maxi kommen Beschäftigte aus den unterschiedlichsten Care-Bereichen zu Wort“. Auf S. 21 dann das traurige Fazit: „Inzwischen hat Maxi ihre Stelle gekündigt…..Sie arbeitet jetzt als Leasingkraft“. Auf den S. 93 – 99 stellt uns der Verfasser Cordula vor. Die Betriebsrätin ist Anfang 30 und arbeitet bei einem großen Träger in einem Flächenland. Der Arbeitgeber legt dem Betriebsrat Knüppel in den Weg, natürlich gibt das Management nicht offen zu, dies zu tun. Man plant nur Verbesserungen ein! Von „oben“ wurde angeordnet, Bereiche getrennt zu betrachten. „Es ging um eben die Aufspaltung in verschiedene Bereiche. Das heißt, die Kontakte der Betriebsräte und der Mitarbeiter untereinander sollen immer mehr aufgespalten werden. Aktuell haben wir einen Gesamtbetriebsrat, in dem die Betriebsräte aus den verschiedenen Bereichen zusammenkommen, und das wollten die trennen, erst nach Regionen und dann nach Sparten. Das war ein großes Thema, weil du dann nicht mehr mitkriegst, was in den anderen Betrieben läuft. Für uns ist es aber sehr wichtig zu wissen, was in allen Betrieben abläuft“. Am Ende des Berichts spricht die Betriebsrätin von einer zugespitzten und ziemlich belastenden Situation. 

Frederic Valin, der Pfleger und Autor, zeigt seinen Mitmenschen, was es heißt, in der Pflege seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Es ist ein hartes Brot, Tag für Tag. Das Werk geht unter die Haut. Der Leser ertappt sich dabei, er hat sich noch nie Gedanken darüber gemacht, was es heißt, Pfleger zu sein. Wo stünde aber unsere Gesellschaft, wenn wir keine oder zu wenige Pfleger hätten. Der Stoff rund um das Thema Pflege geht wohl nie aus. Da werden Pfleger aus El Salvador und Vietnam und anderen Ländern in Deutschland zur Pflegekraft ausgebildet, nach drei Jahren kann aber der Amtmann von Krümel an der Knatter die Aufenthaltsberechtigung verweigern. Der Herr Bürokrat sagt: „Man hat die Arbeits -und Aufenthaltserlaubnis zum Zwecke der Ausbildung erteilt, nicht um nach erfolgreicher Berufsausbildung hier arbeiten zu können. Wir wünschen guten Rückflug“. Leiter von Pflegeheimen können über diese gemachten Erfahrungen Frederic Valin auch berichten! Es wäre sehr schön, wenn Frederic Valin keine Bücher mehr zum großen Bereich Pflege schreibt. Damit man unsere Redaktion keineswegs missversteht: Das liegt nicht an Frederic Valin, er schreibt hervorragend und teilt mit, wo die „Schuhe in der Pflege drücken“! Es wäre ja viel schöner, in der Pflege ist alles bestens geordnet, ergo gibt es gar nichts zu bemängeln. Das ist aber momentan nur eine Wunschvorstellung! Das beeindruckende Werk „Pflegeprotokolle“ von Frederic Valin ist im Verbrecher Verlag zu Berlin erschienen. Es kostet im deutschen Buchhandel 18 Euro. ISBN: 978-3-95732-497-9 (Text: Volker Neef/Fotos: Verbrecher Verlag; Claudia Thomas)

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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