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Mit sieben war ich kein Kind mehr

Buchbesprechung: Mit sieben war ich kein Kind mehr

Ob man im Rentenalter immer noch sehr gute Erinnerungen an die Zeit haben wird, als man sieben oder acht Jahre jung war, hängt von vielen Faktoren ab. Neben der körperlichen und geistigen Fitness des Einzelnen, ist auch prägend, was man als Kind mitmachen musste. Die 1937 in Pyritz in Hinterpommern geborene Annmarei Lenzner hat Dinge leibhaftig erlebt, die „ein Brandzeichen fürs ganze Leben“ sind. „In persönlichen Krisenzeiten werde ich von diesen Schreckensbildern geradezu überflutet und bin ihnen dann wehrlos ausgeliefert“. (S.7). Das kleine Mädchen ist im Januar 1945 sieben Jahre alt. Der Papa kämpft an der Front. In Hinterpommern ist sie mit Mutter und dem kleinen Bruder Karl-Dietrich, den man zärtlich Diti nennt, zu Hause. Mit ganzer Kraft versucht die Mama ihrem Nachwuchs trotz der Entbehrungen der Kriegszeit eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. In einer Zeit, wo sich die Kriegsniederlage des Deutschen Reiches abzeichnet, hat jeder mit sich selbst zu tun. Großartige Hilfe von Verwandten und Nachbarn sowie Freunden darf man da nicht erwarten. Heimaturlaube für Frontkämpfer sind rar geworden. Hat der Landser es einmal geschafft, ein paar Tage Urlaub zu ergattern, kommt er kaum von Russland nach Deutschland.

Schienenwege sind durch Bombentreffer kaum noch vorhanden. Annmarei und ihre Mutter und der kleine Bruder Diti haben den lieben Papa schon lange nicht mehr zu Hause gesehen. Noch heute kann sich das damals kleine Mädchen deutlich an den 30. Januar 1945 erinnern und dass „kurz vor 19 Uhr die Sirenen heulten“ in der knapp 11.000 Einwohner zählenden Stadt. Nun steht aber der Einmarsch der Russen bevor und die Mutter muss entscheiden, ob sie mit beiden Kindern die Flucht ins Ungewisse antreten oder den kleinen Diti an das Kinderlandverschickungslager abgeben soll. Sie entscheidet sich, beide Kinder zu behalten. Die Flucht beginnt und mit ihr endet Annmarei ´s kindliche Unbekümmertheit für immer. Die Autorin Annmarei Lenzner berichtet in ihrem im Frieling-Verlag in Berlin erschienen Werk „Mit sieben war ich kein Kind mehr-Eine Flüchtlingskindheit von 1945-1948“ über die Flucht und den damit verbundenen Grausamkeiten. Nicht alle Flüchtlinge kamen lebend und heil im Westen Deutschlands an. Das muss auch die Familie von Annmarei erfahren und beklagt den Tod von sehr nahen Verwandten. Der Flüchtling muss „auf alles gefasst sein. Verlassen konnten wir uns nur auf Willkür, Chaos, Hunger und Angst, die nun wieder unsere ständigen Begleiter wurden“. (S. 48) Nach der glücklichen Ankunft in Westdeutschland traten die großen finanziellen Probleme ans Tageslicht. „Es fehlte an allem und jedem. Außer einem Kochtopf, je drei Löffeln, Gabeln und Messern aus Blech, den drei Tellern, die uns jemand geschenkt hatte, besaßen wir weder Besteck noch Geschirr noch Kochtöpfe noch Küchengeräte; genauso wenig wie Wäsche, Handtücher und Bettwäsche“. (S.192) Der Kauf von neuen Möbeln und das damit verbundene Entsorgen von uralten und stark beschädigten Möbelstücken war erst viele Jahre später möglich. (berichtet auf S. 193). Annmarei Lenzner beschreibt in ihrem im Frieling-Verlag in Berlin erschienen Werk „Mit sieben war ich kein Kind mehr-Eine Flüchtlingskindheit von 1945-1948“ schonungslos, was eine Flucht von Pommern nach Westdeutschland 1945 bedeutet hat. Die Autorin dramatisiert auch keine Geschehnisse, dass, was berichtet wird, hat sich 1:1 so zugetragen. Der Leser braucht keine langatmigen Begründungen dafür, warum ein sieben Jahre junges Schulmädchen aufgrund der erlebten Flucht sehr schnell zur Erwachsenen gereift worden ist. Man bedauert einerseits die kleine Annmarei, anderseits ist der Leser heilfroh, dass ihm persönlich ein solches Schicksal, selbst wenn es im Erwachsenalter geschehen wäre, nicht widerfahren worden ist. Im deutschen Buchhandel kostet das Werk 13,90 Euro. ISBN 978-3-8280-3550-8. (Text: Stimme-Der-Hauptstadt / von Volker Neef/Foto: Frieling-Verlag)

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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