„Berlin in den 70er-Jahren – Faszinierende Ansichten der geteilten Stadt“ – Buchvorstellung
25. Februar 2022
Falko Liecke – nachgefragt zum Buch „BRENNPUNKT DEUTSCHLAND“
26. Februar 2022
alle anzeigen

Menschen mit Spuren und ihre Wege durch die Krise Folge 28: Jacqueline D’Arc 

Jacqueline D’Arc, Foto: Joachim Skambraks

Jacqueline D’Arc hält Vorträge, gibt Trainings, ist auf den Showbühnen dieser Welt zuhause. Sie blickt in viele Welten und Kulturen. Mit Witz und französischem Esprit sorgt Sie für Aha’s ohne Ende. Eine erstaunlich facettenreiche Expertin in Sachen menschliches Dominanzverhalten, Charme und der Begegnung mit dem Neuen.

https://gaston-florin.de/jacqueline-darc/

MMS: Wie hinterlässt du aus deiner Sicht Spuren? 

Jacqueline D’Arc: Ich glaube, ich hinterlasse Spuren, weil ich für die Verbindung zwischen Männern und Frauen sorge. Ich mag beide Seiten und ich verstehe beide Seiten inzwischen ganz gut. Ich verstehe, wo sie oder wo wir aneinander vorbei reden oder, was die Jungs besser machen können. Oder, was wir – und umgekehrt auch – vielleicht übernehmen können. Ich hinterlasse Spuren, weil ich für all das, was mich in meinem Leben irritiert, stehe. Ich weiß, ich bin ein bisschen irritierend, es ist einfach meine Natur. Auf jeden Fall merke ich, die Leute können am Ende des Tages durch meine Art und Weise der Irritation das auch annehmen und genießen. Ich lege natürlich eine Spur für alle anderen Irritationen, dass es auch gehen könnte.  

MMS: Ich möchte hier nachfragen: Inwieweit verändert dein Wirken und dein Tun die Welt und das Tun der anderen Menschen? 

Jacqueline D’Arc: Ob es das Tun wirklich verändert, ich glaube, es verändert manchmal die innere Haltung. Wie ist das, was mich irritiert oder wie ist alles, was ich nicht gleich auf den ersten Blick verstehe oder nicht mag. Aber ist es immer gleich gefährlich? Muss ich mich davor schützen, indem ich es von mir weg weise? Oder: Kann ich mich nicht vielleicht viel besser davor schützen, wenn ich ein Stück Weg damit gehe und mir das einmal angucke? Ganz oft erlebe ich egal in welcher Situation, dass Irritation oder das Neue, das ich nicht mag, daher kommt und wenn ich es mir angucke und ein Stückchen damit gehe, plötzlich merke: Ah, an der Stelle ist es gar nicht gefährlich. Oder: Das ist etwas, was ich mag, und das ist etwas, was ich nicht mag. Aber es ist viel konkreter. 

MMS: Inwieweit haben sich Lockdown, Krise oder Pandemie auf dich privat oder geschäftlich ausgewirkt? 

Jacqueline D’Arc: Weißt du, wie bei allen darstellenden KünstlerInnen war geschäftlich viel in Frage gestellt und war erstmal nichts mehr da. Was tun wir jetzt, um Geld zu verdienen, um in Sichtbarkeit zu kommen? Der Kontakt auch zu den Leuten, die die eigene Arbeit mögen. Fan ist ein großes Wort, aber Leute, die das mögen. Wie bleiben wir in Kontakt, wenn wir alle sozusagen in Einzelhaft gehen sollen, weil es einfach vernünftig ist? Wie gehe ich damit um? Das war schon eine schwierige Zeit. Es war aber auch eine Zeit, wo ich noch mal genauer darüber nachgedacht habe, was will ich denn in der Welt? Wie wichtig ist es, viel Geld zu verdienen? Diese Pandemie hatte diese Frage schon gestellt. Man hat gemerkt: Ach, so viel Ruhm braucht es nicht, so viel Geld brauche ich gar nicht. Ich hab ein lustiges Leben auch ohne. Das ist auch ein Geschenk. 

MMS: Du bist ja sehr stark mit dem Gaston Florin verknüpft und es gibt immer wieder Zeiten, in denen man schlecht drauf ist. Was an Methoden oder Denkweisen hat dir in der Zeit des Lockdowns geholfen, ein wenig besser durch zu kommen? 

Jacqueline D’Arc: Du hast recht, ich habe immer Monsieur Gaston an der Backe. Den muss ich immer ein Stück weit mit durchschleppen, wenn wieder alles so schlimm ist. Da muss ich ihn immer wieder vom Sofa schubsen. Was dann geholfen hat, war tatsächlich Tanzen. Ich habe mich an meine Ausbildung im Tanz erinnert und dann einfach wieder im ersten Lockdown angefangen, zu trainieren. Das Zweite, was ich angefangen habe, war tatsächlich, die Musik wieder stärker für mich zu entdecken. Vor allem das Singen, weil ich bin eigentlich geboren, um zu Singen. Ich bin auf der Bühne, aber ich teile mir die Stimmbänder mit Monsieur Gaston. Das ist ein alter Stickstiefel. (An Monsieur Gaston gesprochen:) Falls du zuguckst da draußen. Es war so. Du hast doch gesagt, ich kann das nicht und ich kann nicht singen. Ich konnte noch nie Singen. Und was machen wir jetzt? Wir singen. 

Ich habe mich ein bisschen durchgesetzt, weil ich gesagt habe: Er als Coach von Leuten, der Leute begleitet, auf der Bühne zu sein, das macht er auch gut. Das muss man auch sagen. Aber er ist eine ganz schöne Zumutung. Der macht verrücktes Zeug mit dir, und du weisst lange nicht, warum man das überhaupt macht. Man fühlt sich öfter mal im luftleeren Raum, so ein bisschen freier Fall. Dann finde ich, ist es auch gut, wenn der Herr Coach ab und zu selber wieder in diesen Zustand hineingerät und nicht nur andere dahin schubst. Jetzt wirst du selber mal wieder geschubst. So hat er auch schlussendlich gesagt, aus diesem Grund heraus machen wir es zusammen. Wir haben dann echt viel gesungen. Ich habe Gesangsunterricht genommen. Er hat auch ein bisschen Gesangsunterricht genommen, wenn ich mal nicht konnte. Musik ist einfach toll, Singen ist super. Egal, ob es schön ist oder nicht. Zusammen Musik machen und wieder wegzuholen von Qualität, also von diesem Deutschland-sucht-den-Superstar-Modus. Entweder du bist brillant oder du hältst die Schnauze. 

Jacqueline D’Arc, Foto: Joachim Skambraks 

MMS: Inwieweit haben Kunst, Kultur, Literatur, Musik oder Theater dir geholfen, mit mehr Energie oder Motivation durch die Krise zu kommen? 

Jacqueline D’Arc: Am meisten hat mir tatsächlich das Selbermachen geholfen, also Kunst und Kultur zu machen. Ganz bewusst zu sagen: So, ich mach mal und was dabei rauskommt, ist wurscht. Ob das sozusagen im gesellschaftlichen Sinne wertvoll, gut, schlecht oder störend ist, war mir ein bisschen egal. Dann natürlich andere Sachen anschauen, ob das als Inspiration möglich ist. Ein Beispiel: Es gibt eine uralte Aufnahme von Judy Garland und sie singt: „Over the Rainbow“. Aber sie singt das nicht als das Mädchen mit den Zöpfen und den roten Schuhen. Sondern in dieser Produktion war sie schon älter und war angezogen und angemalt wie ein Tramp oder, wie sagt man, ein Penner mit Drei-Tage-Bart. Schmutzig und zerlumpt singt sie dieses Lied „Over the Rainbow“. Das ist wunderschön. Sie singt es offensichtlich aus der Haltung: Ich bin ganz unten und wirklich am Boden zerstört. Aber irgendwo gibt es ein Land über dem Regenbogen. Da ist Alles möglich. Das zerreißt dir das Herz. Dann zerreißt es auch dein Herz als Zuhörer. Das ist wirklich wunderschön und es macht auch klar: Sie ist Weltstar aus gutem Grund. Weil sie singt schön und wenn du das mal versucht hast, so emotional zu singen und dabei noch den Ton zu treffen. Das ist brutal schwer. 

MMS: Ja, das ist große Kunst. Diese Auszeit, und das weiß ich auch von dir, hat etwas Neues geboren, eine Transformation oder eine Innovation. Was hast du und dein Team gemacht? 

Jacqueline D’Arc: Ich glaube, als Neuestes ist das Singen dazugekommen in dem Kanon dessen, was wir auf der Bühne auch mal machen. Was ich für mich neu entdeckt habe, hat Monsieur Gaston schon ein bisschen länger gemacht. Wir haben noch nicht das richtige Wort dafür gefunden: Magic Recording oder Magic Summary oder Magic Comment. Wir sitzen bei einer Convention oder bei einem Vortrag – auch online – mit dabei, und wir hören zu und schreiben mit. Am Ende fassen wir aus unserer Sicht noch mal zusammen. Das ist nicht nur Wiederholung, sondern es spiegelt auch unsere Sicht. Auf der einen Seite ist es immer wie Bungee Jumping, so freier Fall. Gleichzeitig ist es aber künstlerisch unglaublich spannend. Wir arbeiten mit den Mitteln von Zauberkunst, von Theater und jetzt auch Musik und Gesang. Das ist eine Transformation, die wirklich für uns auch beruflich ganz großartig und sehr belebend war. Da bin ich dieser Zeit sehr dankbar. 

Eine weiterer Punkt ist: Wir fangen gleich an, zu üben. Beim ersten Lockdown hatte man ganz viel Zeit. Aber da hat man gar nicht so viel geübt. Jetzt hat man vielleicht wieder viel Zeit. Und gleich üben. Also das mache ich. Ich weiß nicht, was ihr macht. 

MMS: Danke für die vielen Antworten und die Inspiration. Ich habe dich in deiner Show gesehen. Es war großer Abend, nachdem du auf deiner Reise warst: „Jacquelines Song“. Du hast gesprochen, Impro-Geschichten erzählt, gesungen und gleichzeitig gezaubert. War das auch für dich eine neue Qualität? 

Jacqueline D’Arc: Für mich macht es tatsächlich dieser Mix von Sachen spannend. Es ist immer für Irgendwen Irgendwas dabei. Sei es der Inhalt, sei es Träumen oder auch gute Kommunikation, völlig egal, das so verpacken, dass immer für jeden etwas dabei ist, was ihm ein bisschen ans Herz geht. Ich glaube, wir lernen mit dem Kopf, natürlich, aber auch mit dem Herz und dem Bauch und dem Rest von uns. Der lernt immer mit. Das finde ich das Spannende. 

MMS: Vielen Dank für deine Offenheit, deine Antworten und deine Begeisterung. Danke für das Gespräch. 

Jacqueline D’Arc: Merci. Und jetzt trinken wir ein bisschen Champagner. 

Fotos und Interview: Joachim Skambraks, Stimme der Hauptstadt.Berlin, Redaktion München 

 

Hier finden Sie den Link zum Video: 

Print Friendly, PDF & Email
Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.