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Menschen mit Spuren und ihre Wege durch die Krise. Folge 10: Jörg Schneider 

Jörg Schneider,( Foto: Joachim Skambraks)

Jörg Schneider ist Sozialarbeiter im Stadtjugendamt München und Rockmusiker. Er kümmert sich um die sozialen Bedürfnisse von Familien. 

MMS: Wie hinterlässt du aus deiner Sicht Spuren? 

Jörg Schneider: Ich hinterlasse Spuren im Leben von anderen Familien, indem ich versuche, sie zu unterstützen und mich auch manchmal in den Lebensmittelpunkt einmische. Da hinterlasse ich Spuren. Am besten wirkt sich das aus, indem ich die Familien auf ein anderes Level bringe. Ich unterstütze die Familien und lasse ihnen Hilfe zukommen. So können sie ihren Alltag besser bewältigen. Die Zeiten, wie sie in der letzten Zeit gewesen sind, sind sehr anspruchsvoll und für viele überfordernd. Ich versuche tatsächlich für entspannte Lebensverhältnisse zu sorgen, damit Kinder in Ruhe aufwachsen können. Ja, ich habe eine Band, mit denen ich regelmäßig auf Hobby-Niveau spiele. Da hat man tatsächlich vor Corona Spuren hinterlassen. Und jetzt nicht mehr. 

MMS: Wenn wir die letzten eineinhalb Jahre zurückschauen, wie haben sich Lokdown oder Pandemie auf dich ausgewirkt? 

Jörg Schneider: Tatsächlich empfand ich es privat am Anfang sehr entspannt, einfach zur Ruhe zu kommen. Auch gezwungen zu sein, sich dem allgemeinen Alltag zu entziehen oder sich auf seinen Partner zu konzentrieren und Stunden alleine zu hause zu genießen. Ich musste nicht immer den ständigen Wahnsinn des Alltags und der Freizeit mitmachen. Je länger natürlich der Lockdown gedauert hat, hat man dann schon Defizite aufgebaut, die man dann tatsächlich gespürt hat. Als man sich das erste Mal wieder mit Freunden getroffen hat und man merkte wie ein Ventil aufging. In diesen Momenten ist es einfach aus einem herausgesprudelt. Da hat man tatsächlich gemerkt, welche Entbehrungen man in der ganzen Zeit auch gehabt hat. 

MMS: In deinen geschäftlichen Umfeld war es ja für die Familien auch nicht einfach? 

örg Schneider: Das ist tatsächlich relativ. Wenn Familien unter Betreuung oder Unterstützung des Jugendamtes stehen, dann sind sie vielleicht mal froh, wenn der Zugriff nicht so stattfinden kann, wie es sich in Normalzeiten gehört. Weil man auch viel diktiert, weil man viel sagt, was sie zu tun haben oder welche Auflagen sie haben. So wie es sich für uns dargestellt hat, war es sehr schwer, Kontakt zu den Familien zu halten weil ganze Unterstützungsangebote und die ganzen Kooperationspartner nicht mehr da waren. Man war angewiesen alleine Kontakt zu Familien. Ich hatte bei manchen Familien das Gefühl, dass ihnen die Pause auch mal ganz gut tat. Da ist nicht ständig einer bei ihnen zu hause vorbei gekommen. 

MMS: Was hat dir an Ideen, an Handlungsweisen, vielleicht an Techniken geholfen, ein wenig entspannter durch die Krise oder den Lockdown zukommen? 

Jörg Schneider: Tatsächlich war mein Leben immer schon so aufregend und auch unter Anspannung durch das, was ich mit den Familien beruflich erlebe, dass ich dann Ruhe auch genießen kann. Also ich komme ganz gut allein zurecht und bin tatsächlich in der Lage Nichts zu tun. Das ist nicht einfach und das muss man wirklich lernen, Nichts zu tun. 

MMS: Was das Projekt „Menschen mit Spuren“ auch interessiert: Inwieweit kann Kunst, Kultur, Musik oder Theater helfen, durch eine Krise ein bisschen leichter zu kommen? 

Jörg Schneider, Foto: Joachim Skambraks 

Jörg Schneider: Ich bin für mich sehr der Musik verbunden und finde Musik insofern hilfreich, dass ich mich in den Momenten auch meinem Instrument widmen konnte. Ich konnte mir tatsächlich in der Zeit des Lockdowns unheimlich viel Spieltechniken beibringen, die ich im normalen Regelalltag nicht so gelernt hätte. Ich hatte einfach Zeit, mich damit zu beschäftigen. Grundsätzlich bin ich offen für alle Art von Musik und wenn man Zeit findet, kann man stöbern. Ich bin dann auch nicht so abgehetzt, dass ich mich nur auf meine bekannten Lieder fokussiere. Es war dann auch eine Entdeckungsreise, musikalisch gesehen. 

MMS: Welche neue musikalischen Entdeckungen haben dich besonders inspiriert? 

Jörg Schneider: Ich habe mich mit dem „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner beschäftigt und mit dem ganzen „Ring des Nibelungen“. Der ist natürlich auch sehr toll. Musiker sind generell offen für alles an Musik und legen sich nicht fest. Man hat die Wertschätzung, egal was jemand musikalisch macht, es steht immer Arbeit und Können dahinter. Ob es immer der eigene Geschmack ist, ist das eine, aber das Können ist immer wieder überragend. Musik präsentieren zu können, ist eine Fähigkeit, das auch nicht jeder kann. 

MMS: Eine Zeit der Entspannung und zur Ruhe kommen kann gleichzeitig bedeuten eine Innovationen oder Transformation zu schaffen. Wie schaut das bei dir aus? 

Jörg Schneider: Ich habe gelernt zu improvisieren. Ich habe tatsächlich gelernt, mit den Widrigkeiten zurechtzukommen. Ich habe gelernt, zu mir selber zu finden. Ich habe gelernt, bescheidener zu sein und mit weniger auszukommen. Ich habe gelernt, wie wichtig Kleinigkeiten sind. 

MMS: Auch in diesem Gespräch habe ich wieder gelernt: Jeder hat seine eigene Herangehensweise und seine eigenen Art mit einer Krise umzugehen. Lieber Jörg, vielen Dank für unser Gespräch und für deine inspirierenden Antworten. 

Text und Interview: Joachim Skambraks, Stimme der Hauptstadt.Berlin, Redaktion München 

Hier finden Sie den Link zum Interview auf Video: 

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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