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Der Flughafen Tegel- Buchbesprechung 

TXL, Gebäude bei Nacht (Foto: Volker Neef)

Der Flughafen Tegel- Buchbesprechung 

Eine alte Weisheit besagt: „Totgesagte leben länger“. Das trifft auch für den Flughafen Tegel, der das IATA-Kürzel TXL getragen hatte, zu. 

2012 wollten die politisch Verantwortlichen feierlich den Flughafen BER, den Willy-Brandt-Flughafen in Schönefeld bei Berlin, eröffnen. Pressevertreter (u. a. der Verfasser dieser Zeilen!) sowie Repräsentanten aus Politik, Diplomatie, Wirtschaft, Sport, Kultur und Gesellschaft hatten Einladungsschreiben erhalten und man bat diese geladenen Gäste, an der Eröffnung des BER teilzunehmen. Wie heute längst bekannt, der BER konnte erst am 31.10.2020 in Betrieb genommen werden. Nebenbei bemerkt: Die Einlader hatten es 2012 vorgezogen, die geladenen Gäste erst gar nicht wieder auszuladen! Die hatten ja schon aus den Medien erfahren, die Inbetriebnahme des BER musste verschoben werden! Eine andere Weisheit besagt auch: „Des einen Tod, des anderen Brot“. Der TXL konnte wegen der Verzögerungen am BER sage und schreibe noch 8 Jahre länger weiterleben! Am 8.11.2020 hob zum letzten Male eine Maschine vom TXL, der offiziell den Namen „Otto-Lilienthal-Flughafen“ trug, ab. Diese Maschine trug die Hoheitszeichen Frankreichs. Die damalige Schutzmacht Frankreich war für den in ihrem Sektor gelegenen Flughafen verantwortlich. Der andere Westberliner Flughafen befand sich in Tempelhof, damals im US-Sektor gelegen.   

Foto: Sutton Verlag

Kai Ortel kam 1974 zur Welt und lebt in Berlin. Er verfasste das im Januar 2022 erschiene Buch „Der Flughafen Tegel- Die Geschichte einer Legende in Bildern“. Es ist im Sutton Verlag zu Erfurt erschienen und umfasst 168 Seiten und der Leser kann sich an rund 220 Abbildungen erfreuen. Der Autor lässt gleich auf S. 8 eine Weisheit aufkommen: „Was man an einer Sache hat, weiß man erst, wenn sie nicht mehr da ist“. Kai Ortel negiert aber sofort im nächsten Satz diese Weisheit! „Dieses Sprichwort mag auf vieles zutreffen, auf den Flughafen Tegel sicherlich nicht. Denn die Berliner, und vor dem Mauerfall insbesondere die West-Berliner, wussten vom ersten Tag an, was sie an „ihrem“ Flughafen Tegel hatten. „Tegelchen“, wie sie ihn manchmal liebevoll nannten“. Die Insellage in West-Berlin bedingte, dass Politiker sowie Mitarbeiter aus Politik, Verwaltung, Polizei, Zoll und aus der DDR geflüchtete Menschen den Landweg nach Westdeutschland möglichst mieden. Selbst dann, wenn gegen den einzelnen Bürger nichts vorlag! Wenn die kommunistischen Machthaber in Pankow einen Westberliner in Haft nehmen wollten, man hätte schon auf der Transitstrecke auf dem Hoheitsgebiet der DDR ein Vergehen konstruieren können. Vom TXL aus ging es in die Freiheit. Wer die DDR-Transitstrecken nicht passieren wollte, flog nur bis Hannover. Selbst weitentfernte Ziele in den USA konnte man von Tegel nonstop aus anfliegen. Westberliner starteten vom TXL aus zum Urlaub nach Spanien, Griechenland, Portugal und Richtung Türkei. Postfrachtmaschinen aus Westdeutschland landeten in den frühen Morgenstunden auf dem Rollfeld des TXL. Am selben Tag noch brachte der Briefträger die Postkarten und Briefe in die Westberliner Hausbriefkästen. Kai Ortel erzählt sehr liebevoll von den Anfängen des TXL bis zum Ende. Der Flughafen im Bezirk Reinickendorf gehörte für viele Westberliner wie ein gutes Familienmitglied einfach dazu, so wie Onkel Paul und Tante Ilse und die guten Nachbarn aus dem Laubenpieperverein.

Foto: Volker Neef

Das Sechseck von Tegel, so sah der Airport ja einst aus, sorgte für kurze Wege. Der Autor kann etwas berichten, was heute als unmöglich angesehen wird! Auf S. 62 teilt er mit, dass der Bau des TXL 430 Millionen DM gekostet hatte „und ohne Kostenüberschreitung eröffnet wird“. Man ist ja heute in der Politik schon froh, wenn ein geplantes Bauwerk „nur“ doppelt so teuer wird, als ursprünglich geplant. Erinnert sei hier an den BER und den Bahnhof Stuttgart 21, wo die Kosten am Ende der Bauzeit beinahe schon unermessliche Summen angenommen hatten. 2016 konnte der Flughafen Tegel sogar zum Politikum werden.

Die Berliner FDP war 2011 bei den Landtagswahlen deutlich an der 5-Prozent-Hürde gescheitert. 2016 setzte die FDP alles auf eine Karte und hatte die Offenhaltung des TXL sich auf die Parteifahnen geschrieben. Mit diesem einen Kernthema konnten die Berliner Liberalen den Wiedereinzug ins Abgeordnetenhaus feiern. 

Man liest es aus jeder Zeile, man sieht es jedem Foto im Buch an: Der Verfasser ist ein glühender Anhänger des guten TXL. Das Buch „Der Flughafen Tegel- Die Geschichte einer Legende in Bildern“ von Kai Ortel ist im Sutton Verlag zu Erfurt erschienen. Es kostet im deutschen Buchhandel 29,99 Euro. Die ISBN lautet 978-3-96303-338-4. (Text: Volker Neef/Fotos: Sutton Verlag; Volker Neef)

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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