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Nachgefragt- Thomas Seerig, MdA

Thomas Seerig Foto: / Stimme-Der-Hauptstadt Michael Königs

Nachgefragt- Thomas Seerig, MdA

Gespräch zum Buch „Ich lasse mich durch viele Fantasien tragen“

Im Frieling Verlag Berlin mit Sitz in der Rheinstraße in Steglitz ist das Buch „Ich lasse mich durch viele Fantasien tragen“ erschienen. Der Autor des Werkes ist Franz Uebelacker. In diesem Buch geht es um ein Leben mit Gestützter Kommunikation. Franz ist schwer körperbehindert und kann nicht sprechen – in diesem Buch, herausgegeben von seinem Vater, erzählt er seine Lebensgeschichte. Als Achtjähriger begann er, mit Hilfe der „Gestützten Kommunikation“ sich auf einer Schreibmaschine zu äußern. Über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren entstand auf diese Weise eine Autobiografie: voller Emotionalität, gepaart mit Witz und, später, einem ausgeprägten Sinn für Erotik. Je mehr Franz sich über seine lebensbestimmende Behinderung klar wurde, desto leidenschaftlicher setzte er sich mit Fragen nach dem „Warum?” auseinander, nach dem Sinn des Lebens. Im Anhang werden Fragen zu Methode, Anwendung und Rechtsfragen der Gestützten Kommunikation (FC) behandelt. Der FDP-Politiker Thomas Seerig gehört dem Berliner Abgeordnetenhaus an. Er ist u. a. Sprecher für Mitbürger mit Handicap. Thomas Seerig ist selbst mobilitätsbehindert. Der Volksvertreter aus dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist der einzige FDP-Parlamentarier, der dem Präsidium des Abgeordnetenhauses angehört. Wir sprachen mit dem Abgeordneten über das Buch. 

Das Buch von Franz Uebelacker „Ich lasse mich durch viele Fantasien tragen Fotos: Frieling Verlag Berlin

Stimme-Der-Hauptstadt: Sehen Sie in einem solchen Werk, dass mehr Verständnis für Menschen mit Handicap erreicht wird in der breiten Bevölkerung oder handelt es sich nicht eher um Voyeurismus?

Thomas Seerig, MdA: „Daes im Umgang mit Menschen mit Behinderung immer noch viele Unsicherheiten gibt, ist jede Information hilfreich, gerade wenn sie von Betroffenen kommt. Es gilt klar zu machen, dass es um Normalität geht, ungeachtet der Behinderung. Das starke erotische Element im Buch ist bestimmt ein Aspekt, der den Leser im Vorhinein vielleicht überrascht. Also eher Neugier als Voyeurismus.“

Stimme-Der-Hauptstadt: Bei allem Respekt, was sagen Sie, wenn das Argument kommt: Da will einer nur Mitleid erhaschen. Nach dem Motto, Aufmerksamkeit erreichen, via Sohn mit Handicap? 

Thomas Seerig, MdA: „Die meisten Menschen mit Handicap wollen Akzeptanz und kein Mitleid. Ich sehe eine solche Beschreibung eher als den Blick in eine fremde Welt, so wie Reiseberichte oder Erlebnisse jenseits des Mainstream-Alltags. Ich glaube auch, dass mehr Leser das Buch aus Neugier und Interesse in die Hand nehmen als dass man es aus Mitleid kauft.“

Stimme-Der-Hauptstadt: Wie haben Mitbürger ohne Handicap mit einem Bürger mit Handicap umzugehen? Da möchte beispielsweise einer den Rollstuhlfahrer schieben, der sagt aber: „Lass es mich bitte alleine machen. Ich will Euch allen zeigen, ich brauche hier keine Hilfe. Deine Hilfe ist lieb gemeint, aber hilf mir nur, wenn ich Dich anspreche.“

Thomas Seerig, MdA: „Es geht um Respekt. Ein Mensch mit Handicap ist kein unmündiges Geschöpft, über das entschieden wird, sondern mit eigener Persönlichkeit. So ist für den Rollstuhlfahrer sein Gefährt Teil seiner Persönlichkeit. Einfach die Griffe zu nehmen, um zu schieben, dies ist ein Übergriff. Wenn man Hilfe wünscht, wird man dies sagen und den Mitmenschen darum bitten. Aber Übergriffigkeit ist zu vermeiden. Ebenso das Reden über den Kopf hinweg – bei Rollstuhlfahrern wortwörtlich – ist ein No-Go. Auch Menschen mit Behinderung dürfen direkt angesprochen und gefragt werden; Angehörige oder Assistenten sind Unterstützer und keine Vormünder. Also keine falsche Scham: Einfach direkt fragen. Wir sagen dann schon, was wir wollen und was nicht.“

Stimme-Der-Hauptstadt: Ein Verlag aus Ihrem Bezirk hat sich des Themas Mitbürger mit Handicap abgenommen.Ist dasder Normalfalloder sollte Ihrer Meinung nach es viel häufiger angesprochen werden? 

Thomas Seerig, MdA: „Es sollte der Normalfall sein, dass von und über Menschen mit Handicap geschrieben wird. Nicht mehr und nicht weniger. Dies wäre dann echte Inklusion. Aber vermutlich ist derzeit noch etwas mehr an Information notwendig.“

Stimme-Der-Hauptstadt: Vielen Dank für das Gespräch. 

HINWEIS: Das Buch von Franz Uebelacker „Ich lasse mich durch viele Fantasien tragen“ ist im Frieling Verlag Berlin erschienen. Es umfasst 160 Seiten und kostet im deutschen Buchhandel 8,90 Euro. ISBN 978-3-8280-2275-1.

(Text: Stimme-Der-Hauptstadt von Volker Neef/Fotos: Frieling Verlag Berlin; Stimme-Der-Hauptstadt von Michael Königs)

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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