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Katarina Grgic: Leipzig ist die wichtigste Säule und Symbol der ostdeutschen Lesekultur

Katarina Grgic (Foto: Frieling-Verlag)

Katarina Grgic: Leipzig ist die wichtigste Säule und Symbol der ostdeutschen Lesekultur

Katarina Grgic leitet die Verlagsgruppe Frieling & Huffmann GmbH & Co. KG. Der Verlag hat seinen Firmensitz in Berlin-Friedenau. Wir sprachen mit ihr über die Absage der Leipziger Buchmesse.

STIMME-DER-HAUPTSTADT: Was ging in Ihnen vor, als Sie von der Absage der Leipziger Buchmesse erfahren hatten?

Katarina Grgic: „Die Nachricht überbrachte mir eine Kollegin. Ich hielt sie zuerst für einen Scherz, zumal wir eine Woche zuvor den Hallenplan mit der Platzierung unseres Messe-Standes erhalten hatten und uns dann in Sicherheit wähnten, die Messe-Vorbereitungen zu intensivieren. Sämtliche Prospekte, Buch-Werbekarten, Neuerscheinungskataloge waren schon im Druck oder bereits fertiggestellt. Einladungsschreiben an unsere Autoren, registrierte Interessenten und Multiplikatoren sollten ab Mitte Februar verschickt werden … und nun das. Viele unserer über 300 Monografie- und Anthologie-Autoren hatten ihren Messebesuch angekündigt. Nach zwei der Pandemie geopferten Messe-Jahren sollte Leipzig der Literatur wieder einen roten Teppich ausrollen und an die erfolgreiche Zeit zuvor anknüpfen“.

STIMME-DER-HAUPTSTADT: Können Sie sich erklären, warum die Berlinale in Präsenzform, wenn auch ausgedünnt, real stattfinden darf – und die Leipziger Buchmesse fällt der Pandemie zum Opfer?

Katarina Grgic: „Die offizielle Begründung überzeugt mich nicht wirklich. In Berlin läuft gerade die Berlinale. Die Lit.Cologne wird in Köln planmäßig stattfinden. Die Bookfair in London und die Kinderbuchmesse in Bologna wurden ebenfalls nicht abgesagt. Viele große deutsche Verlage, die Leipzig abgesagt haben, sind bei anderen geplanten Veranstaltungen dabei. An der Pandemie kann es also nicht hauptsächlich liegen. Noch Mitte Januar waren nach den Umfragen der Leipziger Messeleitung nahezu 80 Prozent der üblichen Aussteller bereit, auszustellen. Von den knapp 20 Prozent der Aussteller ausländischer Verlage gab es kaum Absagen. Gemessen an den Ausstellerzahlen in Frankfurt 2021, wo weniger als ein Drittel der üblichen Aussteller dabei war, waren die Aussichten für Leipzig relativ solide.

Leipzig wurde, so scheint es mir, im Stich gelassen. Das ist aus vielerlei Gründen bedenklich. Denn Leipzig ist nicht nur die wichtigste Säule und das Symbol der ostdeutschen Lesekultur, sondern traditionell auch ein wichtiges Podium für osteuropäische Verlage, ein Vorposten für die gedruckten Stimmen demokratischer und intellektueller Strömungen dieser Staaten. Wenn es mehr der nötigen Solidarität aus der Branche und mehr Weitsicht der Verantwortlichen aus der Politik gegeben hätte, hätten wir das Frühlingsfest der Bücher in Leipzig gemeinsam feiern können“.

STIMME-DER-HAUPTSTADT: Was wollte Ihr Verlag dieses Jahr den Besuchern in Leipzig zeigen?

Katarina Grgic: „Nach der Messeteilnahme in Frankfurt 2021, die trotz des reduzierten Umfanges und der dem Hygienekonzept geschuldeten eingeschränkten Gemütlichkeit für uns ein sehr wichtiges Symbol für „Zurück in die Normalität“ war, hatten wir mit viel Freude und großem Enthusiasmus den Auftritt in Leipzig geplant. Nach zwei ausgefallenen Buchmessen in Leipzig haben sich viele spannende Neuerscheinungen summiert, die es wert wären, eine direkte Begegnung mit potenziellen Lesern zu erleben. Viele unserer Autoren stammen aus dem Osten Deutschlands, zahlreiche unserer Neuerscheinungen, so z. B. „Markennummer 4298″ von Klaus Günter Roth oder „Seine Erlaucht Genosse Graf“ von Hans Gerhard Ammon Graf von Wellmann haben inhaltlich einen direkten Bezug zur Geschichte im Osten Deutschlands. Anders als die Buchmesse in Frankfurt, die vor allem großen deutschen und internationalen Verlagshäusern spannende Deals ermöglicht, profitieren kleine Verlage und ihre Autoren vor allem von der Nähe zu potenziellen Lesern. Die als größte Publikumsmesse Deutschlands etablierte Buchmesse in Leipzig spielt für unser Haus daher eine bedeutende Rolle. Von der Ersten Alternativen Buchmesse Leipzig nach der Wende (1990) bis zur letzten Buchmesse vor der Pandemie im Jahr 2019 haben wir keine verpasst. Für dieses Jahr hatten wir zusätzlich eingeplant, unseren Biografieservice stärker zu bewerben, eine Verlagsdienstleistung, die sich durch steigende Nachfrage zu einem spannenden und vielversprechenden Zweig entwickelt hat“.

STIMME-DER-HAUPTSTADT: Richten Sie jetzt Ihr Augenmerk auf die Frankfurter Buchmesse im Herbst, mit der Hoffnung verbunden, sie findet in Präsenzform statt?

Katarina Grgic: „Wir werden in Frankfurt ganz sicher dabei sein, sofern die Messe in Präsenzform stattfindet. Mit der digitalen Form der Buchmesse, die wir im Jahr 2020 mangels anderer Alternativen mitgemacht haben, können wir uns noch nicht so ganz anfreunden. Das, was eine Buchmesse wirklich ausmacht, sind persönliche Begegnungen, Gespräche mit Augenkontakt, Bücher, die man in die Hand nehmen und in denen man blättern kann. Dass uns die digitale Präsenz in Zeiten, wenn Social Distancing unvermeidbar scheint, als Ausweg zur Verfügung steht, ist eine lobenswerte Errungenschaft. Was die Seele einer Buchmesse jedoch ausmacht, sind der Messetrubel, das bunte Drumherum und die Gewissheit, dass man an einem Ort mit „Gleichgesinnten“ im Sinne von der Liebe zum geschriebenen Wort ist. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, und Bücher sind viel mehr als nur bedrucktes Papier“.

STIMME-DER-HAUPTSTADT: Vielen Dank für das Gespräch.

(Text: Volker Neef/Foto: Frieling-Verlag)

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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