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Die Entführung des Peter Lorenz- Wussten Sie schon?

Haus in der Schenkendorfstraße 7 (Foto: Gernot Volger)

Die Entführung des Peter Lorenz- Wussten Sie schon?

Die Bundeshauptstadt Berlin mit ihren 12 Bezirken und fast 100 Ortsteilen bietet den Einheimischen und den Gästen eine reiche und buntgemischte Palette an.

Dazu zählen neben verstorbenen und lebenden prominenten, manchmal auch kuriosen, Menschen die zahlreichen Gebäude, Straßen, Plätze, Parks, Denkmäler und Seen.

Wir haben für unsere werten Leser das ein oder andere Interessante aus Berlin herausgegraben bzw. wiederentdeckt und stellen es vor.                                          Der CDU-Politiker Peter Lorenz war in den siebziger Jahren in Berlin eine bekannte Person. Für den 2. März 1975 war die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin angesetzt, und Lorenz war, wie in der vorhergehenden Wahl, der Spitzenkandidat der CDU. Die SPD stellte die Stadt-Regierung unter dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Schütz. Seit 1950 hatte die SPD durchgängig Mehrheiten bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus errungen; da würde es für die CDU im mehrheitlich sozialdemokratisch orientierten West-Berlin schwierig sein, die SPD von der Regierung zu verdrängen.

Drei Tage vor der Wahl, am 27. Februar 1975, wurde Peter Lorenz von Angehörigen der linksradikalen „Bewegung  2. Juni“ entführt und 5 Tage lang als Geisel festgehalten. Das war die erste Entführung eines Politikers durch Terroristen in der Bundesrepublik. 

Lorenz war frühmorgens von seinem Fahrer an seinem Wohnhaus in Zehlendorf  abgeholt worden. An der Kreuzung Quermatenweg/Ithweg, unweit der Onkel-Tom-Straße, geriet das Fahrzeug in einen fingierten Verkehrsunfall. Ein LKW blockierte die Kreuzung und ein Pkw fuhr auf Lorenz‘ Wagen auf. Sein Fahrer wurde niedergeschlagen und, ebenso wie Passanten, mittels einer Maschinenpistole bedroht. In einem heftigen Kampf wurde Lorenz aus dem Wagen gezogen und durch eine Injektion betäubt. Nach kurzer Fahrt in Lorenz‘ Dienstwagen, wurde der Politiker gezwungen, sich in eine Holzkiste zu zwängen. Dann wurde Lorenz in die Kellerräume des Hauses Schenkendorfstr. 7 in Kreuzberg, nur wenige Meter von der Bergmannstraße entfernt, verbracht. Die Terroristen hatten den im Erdgeschoß befindlichen Second-Hand-Laden zur Tarnung angemietet, im zugehörigen Keller –  die Entführer bezeichneten ihn als „Volksgefängnis“ –  wurde Lorenz „verwahrt“. 

Am nächsten Tag übermittelten die Entführer über die Deutsche Presseagentur ihre Forderungen: Innerhalb von drei Tagen sollten die deutschen Behörden sechs inhaftierte Terroristen der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) und der „Bewegung 2. Juni“ freigelassen und unter Begleitung durch den ehemaligen Regierenden Bürgermeister (SPD) und Pfarrer Heinrich Albertz in ein Land ihrer Wahl ausgeflogen werden. Der Mitteilung war ein Polaroid-Foto beigefügt, dass Lorenz in einigermaßen derangierten Zustand zeigte; vor der Brust hatte er ein Schild: „Gefangener der Bewegung 2. Juni“. 

Die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) bildete, unter Einbeziehung der CDU-Opposition,  einen Krisenstab, der am Ende auf die Forderungen der Entführer einging. Am Morgen des 3. März hob frühmorgens eine Lufthansa-Maschine in Frankfurt ab. An Bord waren außer Albertz fünf freigepresste Terroristen. Der RAF-Mitbegründer und ehemalige Rechtsanwalt Horst Mahler, zu jener Zeit bereits aus der RAF ausgeschlossen und Mitglied der maoistischen Kleinstpartei KPD-AO,  hatte abgelehnt. Die Terroristen bestimmten, das Flugzeug nach Aden, die Hauptstadt der damaligen sozialistischen Volksrepublik Südjemen, fliegen zu lassen. Nach Albertz‘ Rückkehr wurde Lorenz mit verbundenen Augen am Volkspark Wilmersdorf freigelassen. Später wurden die fünf Entführer gefasst und nach einem sich länger hinziehenden Verfahren im Oktober 1980 zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. 

Im September  2021 ließ – auf Anregung der CDU-Fraktion – das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg am Haus Schenkendorfstraße 7 eine Tafel anbringen, die an die Entführung von Peter Lorenz erinnert. Die Entführung eines hochrangigen Politikers und das Freipressen von Terroristen gehört auch zur Geschichte Berlins.

(Text/Foto: Gernot Volger)

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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