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Buchbesprechung: „Etwas Schaden ist wohl bei den meisten Juden eingetreten“

Das Buch von Dr. Dieter Vaupel Foto: Schüren-Verlag

Buchbesprechung: „Etwas Schaden ist wohl bei den meisten Juden eingetreten“

Die heute rund 10.000 Einwohner umfassende Kleinstadt Felsberg liegt 20 Kilometer südlich von Kassel entfernt. Das hessische Felsberg hatte am 8. November 1938 aus traurigem Anlass internationale Berühmtheit erlangt. Der 1887 geborene jüdische Mitbürger Robert Weinstein, stellvertretender Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung von Felsberg, wurde von entmenschten Nationalsozialisten ermordet. In Felsberg begannen die Reichspogrome bereits einen Tag vorher als im übrigen Reichsgebiet und Robert Weinstein war der erste Ermordete infolge der Reichspogrome. Felsberg hatte eine mehrere Jahrhunderte alte gewachsene jüdische Gemeinde aufweisen können. Es gab im Ort eine Synagoge, einen jüdischen Friedhof und eine eigene Schule. Der bekannte Bildhauer Leopold Fleischhacker kam hier 1882 als Kind jüdischer Eltern zur Welt und verstarb 1946 im Exil in Belgien. Das Vereinsleben in Felsberg war bis zur Machtergreifung der Nazis dadurch geprägt, dass jüdische Mitbürger ein fester Bestandteil allen sportlichen, politischen und kulturellen Lebens waren. Der 1950 geborene Dr. Dieter Vaupel ist Dozent an der Universität in Kassel und ehemaliger Felsberger Schulleiter. Der studierte Pädagoge und Politologe hat in seinem im Schüren-Verlag aus Marburg erschienenen Buch „Etwas Schaden ist wohl bei den meisten Juden eingetreten“ eine lückenlose Dokumentation zum jüdischen Leben in Felsberg von den ersten Anfängen im 16. Jahrhundert bis in die heutigen Tage auf insgesamt 376 Seiten vorgelegt.

Das Buch von Dr. Dieter Vaupel Foto: Schüren-Verlag

Dieter Vaupel teilt schonungslos mit, was in der Zeit des Grauens von 1933 bis 1945 den Juden in Felsberg angetan worden ist. Er benennt Opfer, Nutznießer und Täter. Die zögerliche, ja oft widerwillige Aufarbeitung dieser Verbrechen nach 1945 spricht der Autor auch an. Logischerweise wollten die Täter von einst sich nach 1945 als heldenhafte Widerstandskämpfer und Judenretter verstanden wissen. Der Schüren-Verlag teilt zu diesem Buch mit: „Der Autor lässt die Geschichte einer kleinen Gemeinde lebendig werden, indem er den Blick auf Details richtet. Er gibt den verfolgten Menschen einen Namen und ein Gesicht und dokumentiert Einzel- und Familienschicksale, die exemplarisch zeigen, wohin Hass und Intoleranz führen. Das Buch enthält zahlreiche Fotos und Dokumente, zusammengetragen aus Archiven und Privatbeständen.“ Wenn, dazu kann aber der Autor Dr. Vaupel nichts, es sich bei dieser Thematik um ein Phänomen aus längst vergangener Zeit gehandelt hätte, wäre man geneigt zu sagen: Dieter Vaupel macht eine hervorragende Zeitreise. Aktuelle Ereignisse, wie die Unterdrückung, man muss wohl leider schon von Ausrottung reden, der Rohingya in Myanmar beispielsweise, können keinen Schriftsteller veranlassen, einen geschichtlichen Rückblick in seinem Buch zu verfassen. Es handelt sich um aktuelle Massaker. Das Massaker von Srebrenica, bei dem in der Mitte Europas über 8.000 männliche Muslime ermordet worden waren, geschah 1995. Das schreckliche Geschehen liegt also gerade mal knapp ein Vierteljahrhundert zurück. Herausragenden Autoren und Historikern wie beispielsweise Dr. Dieter Vaupel es ist, scheint bedauerlicherweise der Stoff nicht auszugehen, wenn es um Unterdrückung bis hin zur Ermordung von Minderheiten aus religiösen oder ethnischen Motiven geht. Blicken wir uns auf der Welt um, stellen wir schnell fest: Es gibt viele Regionen und Orte, die uns an Felsberg erinnern lassen. Dieter Vaupel: „Etwas Schaden ist wohl bei den meisten Juden eingetreten-Jüdisches Leben in Felsberg: Integration – Verfolgung – Erinnerung“. Das Werk umfasst 376 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Hardcover. ISBN 978-3-7410-0270-0. Preis: 28 Euro im deutschen Buchhandel.

(Text / Stimme-Der-Hauptstadt von Volker Neef/Foto: Schüren-Verlag)

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Frank Pfuhl
Frank Pfuhl
SDHB Redaktion Berlin

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